
Vor einer Wand aus roten Ziegeln wellt sich die provisorisch aufgespannte Leinwand, aus den Lautsprechern plärrt viel zu basslastig der Nachrichtensender CNN. Es ist Wahlnacht in den USA. In der Charlestoner Tex-Mex-Kneipe „Yo Burrito“ drängeln sich Studenten und junge Arbeitnehmer um die Bar.
Aus der Küche quetschen sich Kellnerinnen beladen mit Quesadillas und Tacos durch die Reihen. Viele der Besucher haben jetzt, um acht Uhr abends, keinen Sitzplatz mehr gefunden. Die Stimmung ist aufgeregt und optimistisch, auf den T-Shirts vieler Gäste blicken Barack-Obama-Konterfeis gewohnt cool in die Gegend.
Die meisten amerikanischen Obama-Unterstützer aus meinem Bekanntenkreis sind am Wahltag schon morgens gutgelaunt und siegessicher. Warum auch nicht, Obama liegt in sämtlichen Umfragen weit vorn. Ich stattdessen habe Bauchschmerzen. In Amerika ist alles möglich, denke ich mir, und mir kommen Sams und Sarahs Geschichten in den Sinn.
Vor gut zwei Monaten hatte ich im „Recovery Room“, einer schäbigen Kneipe außerhalb der putzigen Charlestoner Innenstadt, die Amerikaner Sam und Sarah getroffen. Die beiden Mittdreißiger hatten mir erzählt, wie unfassbar und unverständlich George W. Bushs Wiederwahl im Jahr 2004 für sie gewesen war.
Aber jetzt, bei der Watchparty im „Yo Burrito“, verschwinden die Bauchschmerzen. Seit sieben Uhr abends werden jeweils zur nächsten vollen Stunde die Wahllokale in festgelegten US-Staaten geschlossen. CNN sendet die ersten Hochrechnungen. Die Zahl der Wahlmännerstimmen, die an Obama gehen, steigt fast minütlich. Und zwar doppelt so schnell wie die Wahlmännerstimmen für John McCain.
Auch die Zahl der demokratischen Sitze im Senat, für den die Amerikaner heute auch abgestimmt haben, steigen. Die Mehrheit der 100 Senatstimmen haben die Demokraten längst erreicht, jetzt geht es um die absolute Mehrheit von 60 Stimmen.
Die Stimmung ist mittlerweile euphorisch. Jedes Mal wenn CNN einen weiteren US-Staat als Sieg für Obama verbucht, können sich die Zuschauer im „Yo Burrito“ nur schwer auf ihren Sitzen halten. Sowohl in Florida, als auch in Pennsylvania sieht es gut aus für Obama. Allen Zuschauern hier ist klar: John McCain muss in diesen beiden Staaten gewinnen, um seine Chance auf den Sieg zu wahren.
Es fühlt sich so an, als ob man bei der Fußball-WM ein Deutschland-Spiel anschaut. 44. Minute, Deutschland führt mit 6:0 – und man hat noch die ganze zweite Halbzeit, um das Spiel zu genießen. Nur dass heute abend nicht Deutschland in Führung liegt. Es steht 6:0 für Obama.
Irgendwann nach elf Uhr, ich schaue nicht mehr auf die Uhr, bricht die Kneipe in ohrenbetäubendes Geschrei aus. Die Schlagzeile auf der Leinwand lautet: „Barack Obama Elected President. CNN Projection.“ Offiziell ist noch nichts und dennoch schwenken die Fernsehkameras über jubelnde Menschenmassen, weinende, schwarze Männer, und sich umarmende Jugendliche.
Die Situation ist jetzt vollends unglaublich. John McCain betritt in Arizona die Bühne, gratuliert Obama, redet zehn Minuten, gibt einer bleichen Sarah Palin ein Küsschen und sein Wahlkampf ist vorbei. Kurz darauf tritt Obama in Chicago vor die jubelnden Massen. In einer grandiosen Rede, wer hätte etwas anderes erwartet, wärmt er noch einmal die Herzen. Dann gibt es Umarmungen für Familie und Vizepräsident Joe Biden, dann ist auch in Chicago Schluss.
Draußen auf den Straße in Charleston ziehen Studenten über den Campus, feiern auf den Bürgersteigen, manche haben irgendwoher Feuerwerk organisiert. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben die Amerikaner einen schwarzen Präsidenten gewählt. In Amerika ist tatsächlich alles möglich, denke ich mir.
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