6:0 für Barack Obama
6. Nov 2008 von Jakob Schulz

Vor einer Wand aus roten Ziegeln wellt sich die provisorisch aufgespannte Leinwand, aus den Lautsprechern plärrt viel zu basslastig der Nachrichtensender CNN. Es ist Wahlnacht in den USA. In der Charlestoner Tex-Mex-Kneipe „Yo Burrito“ drängeln sich Studenten und junge Arbeitnehmer um die Bar.
Aus der Küche quetschen sich Kellnerinnen beladen mit Quesadillas und Tacos durch die Reihen. Viele der Besucher haben jetzt, um acht Uhr abends, keinen Sitzplatz mehr gefunden. Die Stimmung ist aufgeregt und optimistisch, auf den T-Shirts vieler Gäste blicken Barack-Obama-Konterfeis gewohnt cool in die Gegend.
Die meisten amerikanischen Obama-Unterstützer aus meinem Bekanntenkreis sind am Wahltag schon morgens gutgelaunt und siegessicher. Warum auch nicht, Obama liegt in sämtlichen Umfragen weit vorn. Ich stattdessen habe Bauchschmerzen. In Amerika ist alles möglich, denke ich mir, und mir kommen Sams und Sarahs Geschichten in den Sinn.
Vor gut zwei Monaten hatte ich im „Recovery Room“, einer schäbigen Kneipe außerhalb der putzigen Charlestoner Innenstadt, die Amerikaner Sam und Sarah getroffen. Die beiden Mittdreißiger hatten mir erzählt, wie unfassbar und unverständlich George W. Bushs Wiederwahl im Jahr 2004 für sie gewesen war.
Aber jetzt, bei der Watchparty im „Yo Burrito“, verschwinden die Bauchschmerzen. Seit sieben Uhr abends werden jeweils zur nächsten vollen Stunde die Wahllokale in festgelegten US-Staaten geschlossen. CNN sendet die ersten Hochrechnungen. Die Zahl der Wahlmännerstimmen, die an Obama gehen, steigt fast minütlich. Und zwar doppelt so schnell wie die Wahlmännerstimmen für John McCain.
Auch die Zahl der demokratischen Sitze im Senat, für den die Amerikaner heute auch abgestimmt haben, steigen. Die Mehrheit der 100 Senatstimmen haben die Demokraten längst erreicht, jetzt geht es um die absolute Mehrheit von 60 Stimmen.
Die Stimmung ist mittlerweile euphorisch. Jedes Mal wenn CNN einen weiteren US-Staat als Sieg für Obama verbucht, können sich die Zuschauer im „Yo Burrito“ nur schwer auf ihren Sitzen halten. Sowohl in Florida, als auch in Pennsylvania sieht es gut aus für Obama. Allen Zuschauern hier ist klar: John McCain muss in diesen beiden Staaten gewinnen, um seine Chance auf den Sieg zu wahren.
Es fühlt sich so an, als ob man bei der Fußball-WM ein Deutschland-Spiel anschaut. 44. Minute, Deutschland führt mit 6:0 – und man hat noch die ganze zweite Halbzeit, um das Spiel zu genießen. Nur dass heute abend nicht Deutschland in Führung liegt. Es steht 6:0 für Obama.
Irgendwann nach elf Uhr, ich schaue nicht mehr auf die Uhr, bricht die Kneipe in ohrenbetäubendes Geschrei aus. Die Schlagzeile auf der Leinwand lautet: „Barack Obama Elected President. CNN Projection.“ Offiziell ist noch nichts und dennoch schwenken die Fernsehkameras über jubelnde Menschenmassen, weinende, schwarze Männer, und sich umarmende Jugendliche.
Die Situation ist jetzt vollends unglaublich. John McCain betritt in Arizona die Bühne, gratuliert Obama, redet zehn Minuten, gibt einer bleichen Sarah Palin ein Küsschen und sein Wahlkampf ist vorbei. Kurz darauf tritt Obama in Chicago vor die jubelnden Massen. In einer grandiosen Rede, wer hätte etwas anderes erwartet, wärmt er noch einmal die Herzen. Dann gibt es Umarmungen für Familie und Vizepräsident Joe Biden, dann ist auch in Chicago Schluss.
Draußen auf den Straße in Charleston ziehen Studenten über den Campus, feiern auf den Bürgersteigen, manche haben irgendwoher Feuerwerk organisiert. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben die Amerikaner einen schwarzen Präsidenten gewählt. In Amerika ist tatsächlich alles möglich, denke ich mir.
Was hatten und haben alle “Spitzenpolitiker” dieser Welt gemeinsam? Sie haben keine blasse Ahnung von der Basis allen menschlichen Zusammenlebens und von der elementarsten zwischenmenschlichen Beziehung: Makroökonomie und Geld.
“Es gibt in der Volkswirtschaft keinen Grund, was eine allgemeine Krise und damit Arbeitslose zur Notwendigkeit macht. Es gibt nie eine allgemeine Überproduktion, solange das Geld der Verbraucher nicht bis zum Wochen- oder Monatsende reicht für noch notwendige Käufe. Jeder Verbraucher ist doch, seit eh und je, Teil des Absatzmarktes in seiner Volkswirtschaft, ist doch “Arbeitsplatz” in der gleichen Größe wie sein Verbrauch, sein “Absatzmarkt”. Aber zwischen “Arbeitsplatz” (Hände die arbeiten) und den Verbrauch – “Absatzmarkt” (Hände die kaufen) – hat sich in unsere tausendfältige Arbeitsteilung etwas geschoben, das nur allzu selbstverständlich hingenommen wird – Geld. Studieren wir doch diese uralte Erfindung genauer, zumal in unserem heutigen System. Viele unserer heute so rätselhaften Faktoren werden sich aufhellen, werden immer klarer vor uns liegen.”
Silvio Gesell, aus “Die Ausbeutung, ihre Ursachen und ihre Bekämpfung”
Der “Jahrhundertökonom” John Maynard Keynes wusste, dass Silvio Gesell in allen Punkten Recht hatte und dass die Weltwirtschaft letztlich auf die globale Liquiditätsfalle zusteuern würde, die heute (2009) kurz bevor steht. Anderenfalls hätte er nicht 1944 auf der Konferenz von Bretton-Woods eine internationale umlaufgesicherte Währung (Bancor) vorgeschlagen.
Keynes war mit Sicherheit nicht so dumm, selbst daran zu glauben, dass konstruktiv umlaufgesichertes Geld (Freigeld) wieder durch irgendwelche “Ersatzzahlungsmittel” aus dem Umlauf gedrängt werden könnte. Er gebrauchte diese Ausrede nur, um seine “Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes” an die “hohe Politik” verkaufen zu können, von der er wusste, dass sie diese mit Begeisterung annehmen würde; denn nichts freut einen Politiker mehr, als auch noch mit “wissenschaftlicher Legitimation” in der freien Marktwirtschaft herumpfuschen zu dürfen.
Keynes wusste auch, dass letztlich an der Natürlichen Wirtschaftsordnung (Freiwirtschaft) kein Weg vorbei führt, aber die “hohe Politik” wäre dann obsolet. Die Frage ist also nicht, was jetzt unternommen werden muss, um die gegenwärtige “Finanzkrise” zu überwinden, und warum insbesondere so genannte “Wirtschaftsexperten” und auch die “hohe Politik” sie gar nicht überwinden können und wollen!
Die Frage ist: Welcher kollektive Wahnsinn hielt die halbwegs zivilisierte Menschheit sogar noch bis ins 21. Jahrhundert hinein davon ab, die Natürliche Wirtschaftsordnung (Marktwirtschaft ohne Kapitalismus = echte Soziale Marktwirtschaft) zu verwirklichen? Warum sind angeblich “erwachsene” Menschen nicht dazu in der Lage, etwas im Grunde so Einfaches wie Geld zu verstehen, und warum musste es soweit kommen, dass wir erst im Angesicht der maximalen Katastrophe dazu bereit sind, endlich unseren Verstand zu gebrauchen? Lassen wir dazu den wohl bedeutendsten Futurologen des 20. Jahrhunderts, Sir Arthur Charles Clarke (1917 - 2008), zu Wort kommen:
“Ich glaube – und hoffe – auch, dass Politik und Wirtschaft in der Zukunft nicht mehr so wichtig sein werden wie in der Vergangenheit. Die Zeit wird kommen, wo die Mehrzahl unserer gegenwärtigen Kontroversen auf diesen Gebieten uns ebenso trivial oder bedeutungslos vorkommen werden wie die theologischen Debatten, an welche die besten Köpfe des Mittelalters ihre Kräfte verschwendeten. Politik und Wirtschaft befassen sich mit Macht und Wohlstand, und weder dem einen noch dem anderen sollte das Hauptinteresse oder gar das ausschließliche Interesse erwachsener, reifer Menschen gelten.”
Machtausübung ist reine Dummheit und allgemeiner Wohlstand ist selbstverständlich – sobald die Religion überwunden ist, die schon immer die Aufgabe hatte, die Fehler der Makroökonomie aus dem Bewusstsein des arbeitenden Volkes auszublenden. Die Religion (Rückbindung auf einen künstlichen Archetyp) war solange notwendig und sinnvoll, wie niemand diese Fehler zu beheben wusste, die zwangsläufig zu systemischer Ungerechtigkeit und damit zu Massenarmut und Krieg führen. Ohne die selektive geistige Blindheit, die uns “wahnsinnig genug” für die Benutzung von Zinsgeld machte, und die noch heute die Menschheit in Herrscher (Zinsprofiteure) und Beherrschte (Zinsverlierer) unterteilt, wäre unsere Zivilisation nie entstanden.
Erst der Prophet Jesus von Nazareth erkannte, wie die Makroökonomie zu gestalten ist, damit niemand einen unverdienten Gewinn auf Kosten der Mehrarbeit anderer (Frucht vom Baum der Erkenntnis) erzielen kann. Doch mit dem Cargo-Kult des Katholizismus mutierte die seit Jesus eigentlich überflüssige Religion vom Wahnsinn mit Methode zum Wahnsinn ohne Methode: weitere 1600 Jahre Massenarmut und Krieg, seit der Vernichtung der Gnosis (Kenntnis) im vierten Jahrhundert.
Die “heilige katholische Kirche” degradierte das Genie zum moralisierenden Wanderprediger und projizierte das von Jesus vorhergesagte “Königreich des Vaters” (Freiwirtschaft, Vater der Kultur = Kreditangebot), in dem die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beendet ist, auf ein hypothetisches “Himmelreich” der Toten, nur um selbst eine “Moral” verkaufen zu können, die in der idealen Makroökonomie so sinnlos ist wie eine Taschenlampe bei Sonnenschein.
Der religiöse Wahnsinn beließ die Menschheit in der systemischen Ungerechtigkeit des Privatkapitalismus (Erbsünde) und ließ so dem ersten Weltkrieg noch einen zweiten folgen, obwohl der Sozialphilosoph Silvio Gesell bereits 1916, unabhängig von der Heiligen Schrift und erstmals auf wissenschaftlicher Grundlage, genau das wieder beschrieb, was der geniale Prophet Jesus von Nazareth als erster Denker in der bekannten Geschichte als Wahrheit erkannt hatte: absolute Gerechtigkeit durch absolute Marktgerechtigkeit.
Heute sind wir an genau dem Punkt angekommen, den die israelitische Priesterschaft schon vor 2600 Jahren vorhergesehen hatte: Wir stehen unmittelbar vor der globalen Liquiditätsfalle (Armageddon), der totalen Selbstvernichtung, denn der Krieg (umfassende Sachkapitalzerstörung) konnte nur solange der Vater aller Dinge sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!
Doch ein Atomkrieg ist gar nicht erforderlich, um unsere ganze “moderne Zivilisation” auszulöschen; es reicht aus, wenn wir weiterhin an den “lieben Gott” (künstlicher Archetyp: Jahwe = Investor) glauben und ein allgemeines Zwischentauschmittel mit parasitärer Wertaufbewahrungsfunktion (Zinsgeld) verwenden.
Ich wünsche der “hohen Politik” im einstigen Land der Dichter und Denker Viel Erfolg bei der Auferstehung noch vor dem jüngsten Tag (1. Januar 2010).