Feed auf
Postings
Kommentare

Sarah, eine kleine, kräftige Frau um die 30, hat ihre Bierdose auf dem wackeligen Holztisch abgestellt und reckt die Arme hilflos in die mufflige Kneipenluft. Für einen Moment wird sie zu dem kleinen Mädchen, das entsetzt mit ansehen muss, wie die einzige Kugel Eis aus ihrer Waffel fällt. Wie Millionen anderer Amerikaner hatte sie all ihre Hoffnung auf einen Politikwechsel im Weißen Haus in Washington D.C. gesetzt.

2. November 2004, die Vereinigten Staaten von Amerika wählen ihren Präsidenten. „Am nächsten Morgen laufen die Studenten langsamer als sonst über den Campus“, erinnert sich Sarah. Sie blickt in ungläubige Gesichter, viele der jungen Menschen sind fassungslos. Präsident George W. Bush gewinnt die Wahl mit 50,3 Prozent der Stimmen und bleibt für weitere vier Jahre Präsident der USA. Senator John F. Kerry, Bushs Herausforderer und Hoffnungsgestalt der liberaleren Amerikaner, verliert.

Auch Sam, Mitte 30, schmächtig, rotes Karohemd, fühlte sich damals wie erschlagen. Er fragt sich bis heute, wie die Amerikaner George W. Bush nach einer ersten, umstrittenen Amtsperiode erneut vertrauen konnten. „Es war so, als ob du deinen Autoschlüssel im Wagen einschließt. Dann zahlst du ein Vermögen für den Schlüsseldienst – und dann schließt du den Schlüssel sofort WIEDER ein!“

Sam arbeitet als Lehrer. Er ist kein typischer Gast im Recovery Room, einer unauffälligen Unterschichtkneipe in einem heruntergekommenen Flachbau, außerhalb der putzigen Charlestoner Innenstadt. Hier strahlen die Holzhäuser nicht mehr weiß, dafür pöbeln schwarze Obdachlose Passanten um „change“, Kleingeld, an. „Hast du nicht? Dann Zigaretten.“ Sieben Meter über der Straße donnern im Sekundentakt Autos über die Highwaybrücke.

Im Recovery Room treffen sich abends die sogenannten „blue-collar-workers“. Doch tragen die müden Arbeiter hier keine blauen Hemdkrägen, sondern speckige T-Shirts oder noch ihre Arbeitskittel. Viele sind in der Gastronomie angestellt, auf ihre Arbeitsblusen sind in schnörkeliger Schreibschrift Namen wie „Betty“ oder „Anne“ eingestickt. Man trinkt „Blue Ribbon“ aus der Dose. Für ein paar Dollar wollen hier viele ihren Arbeitstag vergessen.

Vor der Tür sitzt Chris auf einer Holzbank. Aus seinen weißen Hemdsärmeln ragen große Tattoos. Der bärtige 25-Jährige nippt an seiner Flasche „Miller“ und redet mit seinem Kumpel Ryan. Vor kurzem hat Chris seine Arbeit als Grafikdesigner für eine Immobilienfirma verloren. „Sorry Chris, ich kann dich mir nicht mehr leisten“, sagte ihm sein Chef vor einigen Wochen. Chris hat einen neuen Job, doch das Thema Immobilienkrise bringt ihn in Rage.

Wie Sarah und Sam sehnt auch Chris einen Wechsel in der amerikanischen Politik herbei. „Ich schäme mich vor dem Rest der Welt für die aktuelle amerikanische Regierung und Politik“, sagt er. Als er im Fernsehen sah, wie der demokratische Senator Barack Obama seine Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten annahm, war  er zum ersten Mal stolz darauf, ein Amerikaner zu sein.

Bei vielen jungen Amerikanern und Arbeitern steht Senator Barack Obama hoch im Kurs. Am College of Charleston ist das anders. Über die Hälfte der Charlestoner Studenten kommen aus South Carolina. Der ehemalige Südstaat ist traditionell konservativ. 2004 wählten hier rund 940 000 Menschen den Republikaner George W. Bush; nur rund 660 000 wählten den Demokraten John F. Kerry.

Diese Verhältnisse spiegeln sich auch in den Klassenräumen wieder. Hört man sich unter den jungen Studenten um, unterstützen die meisten die Republikaner und John McCain. In einem Politikkurs führt ein Dozent eine Umfrage durch: „Wählen eure Eltern republikanisch oder demokratisch?“ „Wählt ihr selbst republikanisch oder demokratisch?“ Sowohl Eltern als auch ihre Kinder unterstützen mehrheitlich die Republikaner.

Es sind Umfrageergebnisse wie diese, die Chris wütend machen. „Fast ein Jahrzehnt voller Fehler in der amerikanischen Politik, jetzt ist die Zeit für einen Wechsel“, meint Chris. Auf die Frage, wie er „reich“ definiere, antwortete der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain kürzlich, man sei reich, wenn man über fünf Millionen Dollar jährlich verdient. Sein demokratischer Rivale Barack Obama nannte ein Jahreseinkommen von 250 000 Dollar. Chris hat im letzten Jahr nach Abzug der Steuern rund 30 000 Dollar verdient.

„Change“, Wechsel, das ist das Leitmotiv von Barack Obamas Präsidentschaftskampagne. Und wenn Sarah, Sam, Chris und viele andere Arbeiter in der Wahlnacht am 2. November im Recovery Room hinter ihren „Blue Ribbon“-Bierdosen sitzen, dann wird jemand das Fernsehprogramm vom Sportkanal auf CNN oder FoxNews wechseln. Sam und all die anderen werden den Atem anhalten. Und hoffen, dass Amerika seine Autoschlüssel nicht wieder im Wagen einschließt. Denn der nächste Schlüsseldienst kommt erst in vier Jahren.

“Sé vegano”

Mit Plakaten wie diesem sollen mexikanische Einwanderer vor Milch und Fleisch gewarnt werden.Nicht nur Tiere, sondern auch illegale Einwanderer will die PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) neuerdings retten. Unter der Schlagzeile “So etwas kann nur in den USA passieren” berichtete die Zeitschrift “The Week” kürzlich, dass die Tierrechtsorganisation PETA illegale Einwanderer schon an der US-Grenze auf die Gefahren des American Way of Life aufmerksam machen will.

“If the border patrol doesn’t get you, the chicken and burgers will. Go vegan” (auf Spanisch: “Si no te agarra la migra, te atraparan el pollo y las hamburguesas. Sé vegano”). Mit Plakaten wie diesem (siehe rechts) sollen mexikanische Einwanderer vor den amerikanischen Essgewohnheiten, gerade in Bezug auf Milch und Fleisch, gewarnt werden.

Die PETA argumentiert, dass die mexikanischen Einwanderer eine sehr viel gesündere, mexikanische Esskultur zurückließen und stattdessen die amerikanischen Essgewohnheiten übernähmen, die “Herzinfarkte, Krebs und Impotenz” auslöse.

Das sehen einige Besucher der Seite Peta.org anders. Einige Benutzer halten die mexikanischen Essgewohnheiten ebenfalls für “horrible”. Nicht furchtbarer als die amerikanische Esskultur, aber ganz sicher auch nicht gesünder.

Doch nicht jeder will sich in diese leidige Vergleicherei einmischen. Benutzerin Maya stört am Grenzzaun zwischen Mexiko und den USA vor allem, dass dieser unschuldige Tiere tötet.

Die Sonne scheint warm auf die liebevoll hergerichtete Daunenbettdecke. Sanft kitzelt sie den süß schlummernden jungen Mann aus seinen Träumen. Gleich wird er voller Tatendrang aufspringen und die großen Fenster weit aufreißen, um die klare Sommerluft hereinzulassen. In der hellen Wohnung duftet es nach frischem Sonntagskaffee und Croissants vom Lieblingsbäcker um die Ecke.

Nein.

Durch die weiße Wolkendecke strahlt die Sonne unbarmherzig durch den kargen, unterkühlten Raum und wischt an der hellbraunen Betonwand entlang. Über Müll sucht sie sich ihren Weg an alten Sportklamotten vorbei auf die Gummimatratze. Auf dem Bett versteckt sich ein aufgequollenes Gesicht hinter einem Schlafsack. Vor fünf Stunden erst haben die Hände, die jetzt den Schlafsack umklammern, kühles Wasser in das zerstörte Gesicht geschüttet.

Keine Chance. Sonntag, 8 Uhr 30, es riecht nach altem Schuh. Jemand ballert ausdauernd gegen die Tür. Alle Jahre wieder: Move-In-Day. Erfahrene College-Mitarbeiter bezeichnen diesen Tag als „Organised Chaos“. Tausende Studenten sammeln sich an diesem Tag mit der ganzen Sippe im Familienpanzer. Dann marschieren sie in ihre jeweilige Universitätsstadt ein und besetzen in ausdauernden Angriffen die Studentenwohnheim, Wohnung um Wohnung, Zimmer um Zimmer.

Lagebericht: Kurz nach acht Uhr morgens haben sie die Ecke Warren Street/King Street besetzt und kurz darauf das Treppenhaus von 01 Warren St eingenommen. Um halb neun sind die Zimmer A, B und C von Wohnung Nummer 312 fest in feindlicher Hand. In Zimmer D halte ich die Stellung.

Es klopft.

Neun Uhr. Nach kurzen Friedensverhandlungen sind Eric, Kyle und Luke jetzt nicht nur in Facebook, sondern auch “in echt” meine Freunde. Und ihre Eltern auch. Und die Geschwister. Und Oma auch. Es ist wohl Tradition, dass die Studenten von der ganzen Familie in ihre Wohnheime begleitet werden. So verstopfen nicht nur die überdimensionierten Jeeps die Charlestoner Einbahnstraßen, sondern Mama, Papa, Oma und Onkel auch noch das Treppenhaus.

Doch eigentlich ist es ganz gut, dass soviele Träger bereitstehen. Denn es gibt viel zu tun. Um ordentlich studieren zu können, braucht der amerikanische Student einige Utensilien im Haus. Da wäre der mannshohe Luftreiniger. Dann der Luftentfeuchter. Oder die niedliche Standheizung, falls die Klimaanlage mal wieder zu sehr kühlt. Auch der persönliche Fernseher ist ein Muss. Nein nein, das ist kein Fernseher. „That’s a Plasma.“

So ist das.

Die Außentemperatur beträgt minus 59 Grad Celsius, wir befinden uns in 11 500 Metern Höhe, irgendwo vor der kanadischen Küste. Die Außenfenster der Boing 747-400 sind übersät von winzigen, unregelmäßigen Eisformatierungen.

Die Stimmung ist gelöst und erinnert an einen jüdischen Gottesdienst. Man läuft herum, viele Menschen schwatzen angeregt. Kinder freuen sich über Süßigkeiten und Getränke. Währenddessen macht der Oberhirte ganz vorn mit dem Rücken zur Kundschaft seine Arbeit.

Noch 1594 Kilometer, knapp über zwei Stunden. Festland! Tief unter den Wolkenfetzen löst dunkelgrünes Land das Blau des Antlantischen Ozeans ab. Notwasserungen sind ab sofort leider nicht mehr möglich.

Doch die sind heute nicht nötig. Nach guten acht Stunden Flug von Frankfurt/Main nach Washington D.C., vier langen Stunden Aufenthalt und 90 Minuten Flug von D.C. nach Charleston, South Carolina, ist die Reise zumindest bis zum nächsten Morgen beendet.

Mitternacht in Charleston. Mit verbundenen Augen könnte man sich im Tropenhaus eines Botanischen Gartens wähnen. Die langen Jeans hängen klebrig an den müden Beinen, die warme Luft ist zum Schneiden dick. Die vielen kondensierte Wassertropfen beweisen es: die Luftfeuchtigkeit liegt bei 100 Prozent. Mindestens. Ich wünsche mich schnell zurück aus diesem Dampfbad in die minus 59 Grad kalte Troposphäre.

Acht Uhr, der nächste Morgen. Die Temperaturen liegen bei knapp unter 30 Grad Celsius. „Es ist ein wirklich schöner, kühler Morgen“, empfängt mich Hostelmitarbeiterin Blythe lächelnd. Sie meint es ernst. Ihr grüner Papagei Bonsai tröstet mich. „Hey Boy, I love you“, und beißt mir in den Finger.

« Neuere Postings